Die Eichsfelder Obertrikotagenwerke

Kaum zu glauben: Im Eichsfelder Obertrikotagenwerk verstrickte man 1977 rund 432 Millionen Kilometer Strickfaden! Eine Länge, mit der man den Äquator mehr als 10000 Mal umwickeln könnte - und ein Gewicht von rund 1200 Tonnen. Daraus machte man Herrenobertrikotagen. Das musste schon ein riesiges Werk sein, dort in Dingelstädt, der offiziellen Adresse des EOW!

Es war tatsächlich ein großer Betrieb - aber keine riesige geschlossenen Fabrikanlage. Vielmehr war das EOW ein Betrieb, der sich über fast 30 Jahre Stück für Stück vergrößerte. 1977 gehörten Fabrikationsstätten in Dingelstädt, Kirchworbis, Gebra, Birkungen, Beberstedt, Silberhausen, Kefferhausen, Helmsdorf, Zella, Horsmar, Küllstedt, Bickenriede, Effelder und Heyerode dazu. In den 14 Werken des EOW arbeiteten damals 1600 Mitarbeiter. Wo lag nun Ursprung des EOW? Man könnte ins Jahr 1953 zurückgehen, damals entstand das EOW. Oder ins Jahr 1951, als der VEB Fortschritt Dingelstädt gebildet wurde und damit jener Betrieb, an den dann alle anderen angegliedert wurden. Oder man blickt ganz zurück zu den Anfängen der Strickerei in Dingelstädt: ins Jahr 1892. Da gründete Christoph Schellhaas in der Blochmühle in Dingelstädt die erste Strickerei des Eichsfeldes. Doch schon 1896 wurde sie behördlicherseits wieder geschlossen. In den folgenden Jahren führte Christoph Schellhaas ein Großhandelsgeschäft, wo er neben Wäsche auch Strick- und Wirkwaren vertrieb. Hier beschäftigte er einen Lehrling und eine Zuschneiderin, alles andere besorgten Heimarbeiter. 1903 wagte er mit seinem Bruder Heinrich Schellhaas einen Neuanfang. Die beiden kauften ein Haus in der Wilhelmstraße und stellten Strickmaschinen auf. Bald beschäftigten sie 50 Fabrik- und 50 Heimarbeiter. Gestrickt wurden Jagdwesten, Sweaters und Damenwesten, wenig später auch die gefragten Knabenanzüge. Dazu führte man die hier noch unbekannten Rundwirkmaschinen ein. 1911 beschäftigte das Werk 120 Mitarbeiter, dazu viele Heimarbeiter. Von 1910 bis 1912 entstand ein modernes vierstöckiges Fabrik-Gebäude in der Steinstraße. An der Ausrüstung wurde nicht gespart: Dampfkesselanlage, Lichtanlage, neue Maschinen wie Jacquard- oder Spezialnähmaschinen, viele schon motorbetrieben.

Nach 1945 gingen die neuen Herren gezielt gegen die privaten Unternehmer vor. 1949 wurde dem alten Inhaber Christoph Schellhaas (82 Jahre) in einem aufwändigen Prozess Steuerhinterziehung angelastet, worauf sein Unternehmen unter Treuhandschaft gestellt und 1950 verstaatlicht wurde.

Nach der Wende wurden unter Treuhandregie die Betriebe des EOW entflochten. Einige setzten die Eichsfelder Stricktradition fort: in Dingelstädt zum Beispiel WIGU Wilhelm Gundermann, die Dingelstädter Strick GmbH und die MB Mode Modeproduktions GmbH, außerdem in Küllstedt die Trift Strickwaren GmbH.

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