Hutschachtel und Höhenruder

Start als Papiermühle: Die Kofferfabrik in Kindelbrück exportierte bis Afrika

Kindelbrück liegt nordwestlich von Sömmerda und hatte am Anfang mit Koffern überhaupt nichts zu tun. Eine Papiermühle im 18. Jahrhundert, aus der später eine Papierfabrik entstand, war im Ort zu finden. Die Sangerhäuser Schuhfabrik Baumann & Neufeld kaufte 1888 das Grundstück samt Gebäude. Die Schuhfabrikanten errichteten einen Nebenbetrieb, allerdings musste die Produktion schon 1903 wieder eingestellt werden. Schließlich erwarb die Stadt Kindelbrück 1908 das Gelände, um dort ein Elektrizitätswerk zu errichten.

In Nachbarschaft des E-Werkes siedelte sich um 1911 eine Kofferfabrik an. Der Unternehmer Erich Wiedemann aus Magdeburg hatte die gesamte Anlage gepachtet und begann mit fünf Arbeitern, Koffer aus Pappe und Vulkanfiber sowie Hutschachteln herzustellen. Das Geschäft ging gut, so dass er bald neue Arbeiter einstellte. Im Juni 1914 übernahm Robert Haessler den Wiedemannschen Pachtvertrag und nannte 1916 das Unternehmen Kofferfabrik Kindelbrück Robert Haessler GmbH. Die Produktion entwickelte sich sprunghaft. Im Jahr 1920 soll die Kofferfabrik bereits 150 Beschäftigte gehabt haben. Zwei Jahre später wurden bereits 180 Arbeitskräfte beschäftigt, 1926 waren es schließlich 200. Der Inhaber Robert Haessler starb 1937.

Als sich im Folgejahr ein schweres Brandunglück ereignete, hatten die Besitzer Glück im Unglück: Die Eigentümer erhielten von der Versicherung eine Brandentschädigung. Die Kofferfabrik wurde also wieder aufgebaut. Die Kofferproduktion musste jedoch weichen, ab 1940 wurde für den Krieg produziert. Die Belegschaft reparierte beschädigte Flugzeugteile wie etwa Höhenruder oder Leitwerke.

Am 5. April 1945 stellte die Kofferfabrik ihre Produktion ein. Nachdem am 2. Juli die Besatzungsmächte wechselten, bemühte man sich, die Fertigung wieder in Gang zu bringen. Wenige Wochen später produzierte das Werk wieder. Doch die Zeit diktierte die Produkte: Gürtel, Taschen und Holzschuhe. Die Kofferproduktion machte nur einen geringen Teil aus. Bei einer Betriebsprüfung am 19. Oktober 1948 stellte man Veruntreuung fest und hatte damit einen Grund zur Enteignung der Firma Haessler.

Die Überführung in das Volkseigentum vollzog sich im Jahr 1952. Das Unternehmen hieß von nun an VEB Kofferfabrik Kindelbrück. Mit ersten erfolgreichen Vertragsabschlüssen nahm man an der Leipziger Herbstmesse teil und exportierte bereits ein Jahr später Reisegepäck nach Island und Bulgarien. Die Koffer aus Kindelbrück entwickelten sich zu einem beachtlichen Exportgut der DDR. 1955 waren Belgien, Polen, Sowjetunion, Afrika, Holland und Schweden Lieferziele.

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